Archiv für die Kategorie „Cap-Markt“
Artikel aus dem Nordkurier vom 18. März 2010
(Ulrike Worlitz). Cottbus / Es ist morgens, acht Uhr und die ersten Kunden betreten den CAP-Markt in der Cottbuser Pückler-Passage am Hauptbahnhof der Lausitzstadt. Christian Knaut füllt emsig die Tiefkühltruhen, reißt Kartons auf, verteilt die Waren. Er packt da an, wo Hilfe benötigt wird. Über seine Behinderung möchte der 30-Jährige nicht sprechen. “Das ist Privatsache”, sagt er.
Als der Markt vor zwei Wochen eröffnete, waren die Tage stressig und ungewohnt anstrengend für ihn, gibt Knaut zu. Doch nun pegele sich alles ein. Zwei Jahre lang hatte er zuvor in den Cottbuser “Lebenshilfe Werkstätten Hand in Hand” im Catering ausgeholfen. Als er erfuhr, dass er in dem neuen Supermarkt arbeiten darf, konnte er es kaum erwarten, erzählt der 30-Jährige und lächelt. Für ihn ist die sozialversicherungspflichtige Anstellung ein großer Schritt. Immer wieder hatte er versucht, den Einstieg auf den ersten Arbeitsmarkt zu schaffen. Kurze Zeit war er bei einem Sicherheitsdienst beschäftigt, doch die Firma musste Konkurs anmelden. Dann folgte Minijob auf Minijob.
Auch für Daniel Deutschmann ist die Arbeit im Supermarkt eine neue Herausforderung. Der 25-Jährige leidet an einer psychischen Erkrankung. Wie die anderen fünf Angestellten mit Handicap arbeitet er 30 Stunden die Woche. Derzeit ist er am Backshop eingeteilt. Zaghaft tippt der er die Preise in die Kasse und reicht Brötchentüten über den Tresen. Die Kunden haben Geduld.
Die Zusammenarbeit funktioniere sehr gut, sagt Sandy Kraske, während sie die Café-Ecke mit Blümchen bestückt. Die gelernte Verkäuferin zählt zu den sieben Vollzeit-Beschäftigten im Markt, die kein Handicap haben. “Das sind liebe und motivierte Menschen”, sagt sie über ihre behinderten Kollegen. Manche Arbeitsschritte würden eben etwas länger dauern, und natürlich müsse sie hin und wieder Hilfestellungen geben. Die Krankheitsbilder kennt Sandy Kraske nicht. Das gehe sie nichts an, sagt sie. Marktleiterin Manuela Walter betont, dass es sich um einen ganz normalen Supermarkt handelt: “Es stößt sich niemand daran, dass hier Menschen mit Behinderungen arbeiten.” Weder die Mitarbeiter noch die Kunden.
Die Idee, in Cottbus einen CAP-Markt aufzubauen, entstand vor etwa einem Jahr. Damals standen die Hallen im Untergeschoss der Pückler-Passage leer. Ein neues Nutzungskonzept sollte her, um die Nahversorgung der umliegenden Wohngebiete zu sichern. Mit den Lebenshilfe Werkstätten war schnell ein Betreiber gefunden.
Die Integrationsbeschäftigten wurden in einem zweimonatigen Kurs samt Praxissimulation vorbereitet, erklärt Filial-Geschäftsführer Martin Weimann. Sie sollten alle Arbeiten selbstständig erledigen können, sei es bei der Warenkontrolle, im Lager oder an der Kasse. Auch Kundengespräche müssen sie führen, denn guter Service gehört zum Konzept. Ziel ist es laut Weimann, das Leistungsniveau der Behinderten nach und nach zu steigern, so dass sie mittelfristig komplett einsetzbar sind.
Die Beeinträchtigungen der jungen Menschen sind laut Sabine Noack, Integrationskoordinatorin der Lebenshilfe Werkstätten, vor allem psychischer Natur, einige leiden unter leichten Lernbehinderungen. Die Fördermittelvergabe setze voraus, dass mindestens ein Behinderungsgrad von 50 Prozent nachgewiesen wird.
Finanzhilfen bekommt der Markt unter anderem vom Betreiber, der Aktion Mensch und vom Integrationsamt Cottbus. Dabei handelt es sich auch um Darlehen für Bau und Ausstattung und um Personalkostenzuschüsse in den ersten fünf Jahren. Das Land Brandenburg steuerte nach Angaben des Arbeits- und Sozialministeriums 216 000 Euro zum Investitionsaufwand von fast 700 000 Euro bei. Das Geld komme aus der Ausgleichsabgabe des Landes. Sozialminister Günter Baaske (SPD) betonte bei der Eröffnung des Marktes Anfang März: “Integrationsprojekte wie der Cottbuser CAP-Markt erleichtern Menschen mit Behinderungen den Übergang in eine dauerhafte Arbeit. Dieser Schritt muss mit Unterstützung der Wirtschaft häufiger gelingen.”
Mittlerweile ist es Vormittag und der erste Ansturm der Kunden im CAP-Markt vorüber. Denny Schmidt schaut ungeduldig umher. Der 31-Jährige ist einer von zwei Praktikanten und sitzt an der Kasse. Er leidet an sozialer Phobie. “Dann verspüre ich Unbehagen oder werde hippelig”, erzählt er offen. In einem Langzeit-Arbeitnehmerverhältnis war er noch nie und auch im CAP-Markt bekommt er keinen festen Job. “Ich bin nur zu 30 Prozent behindert”, sagt Schmidt. Er zuckt gelassen mit den Schultern und beginnt, neue Ware zu scannen.
Das Ministerium für Arbeit, Soziales, Frauen und Familie informiert über die Eröffnung des Cap-Marktes in Cottbus.
Sozialminister Günter Baaske eröffnete heute in den Cottbuser Fürst-Pückler-Passagen den ersten CAP-Lebensmittelmarkt Brandenburgs. Er gibt Menschen mit Behinderung feste Arbeitsplätze. Für Kunden mit Behinderung stehen bei CAP besondere Hilfen zur Verfügung. Baaske: „Ein Konzept mit Herz und Verstand, das Menschen mit HandiCAP in’s Zentrum rückt. Dank solcher Projekte finden zunehmend Menschen mit Behinderungen einen Platz auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt.“
Durch das Konzept gelinge es, sie deutlich besser am allgemeinen Leben teilnehmen zu lassen. Baaske: „Behinderungen gehören zum Leben. Durch den CAP-Markt werden die Menschen mit und ohne Behinderungen im Einkaufsladen zusammengebracht. Das ist ein sehr guter gesellschaftlicher Effekt.“
Träger sind die „Lebenshilfe Werkstätten Hand in Hand GmbH Cottbus“. Der mit einem Gesamtaufwand von fast 700.000 Euro entstandene Markt verfügt über 13 Arbeitsplätze – die Hälfte davon für schwerbehinderte Menschen. 216.000 Euro wurden aus der Ausgleichsabgabe des Landes Brandenburg finanziert.
Werkstätten für Menschen mit Behinderung haben den gesetzlichen Auftrag, den Übergang zum allgemeinen Arbeitsmarkt zu gestalten. Derzeit schaffen dies jährlich landesweit jedoch nur etwa 10 Menschen – von gut 10.000, die in solchen Werkstätten beschäftigt sind. Baaske: „Dieser Schritt muss mit Unterstützung der Wirtschaft häufiger gelingen. Integrationsprojekte wie der Cottbuser CAP-Markt erleichtern den Übergang in eine dauerhafte Arbeit.“
Bundesweit gibt es mehr als 70 CAP-Lebensmittelmärkte. Barrierefrei und behindertenfreundlich sind sie rund 900 Beschäftigten – darunter 550 mit Behinderung – wichtiger Lebens-Mittelpunkt geworden. Als zentrumsnahe Lebensmittelmärkte bieten sie eine vielfältige Palette des täglichen Bedarfs mit speziellem Lieferservice für hilfsbedürftige Menschen.
Nachtrag:
Artikel aus der Lausitzer Rundschau vom 26. Februar 2010
COTTBUS / Der CAP-Lebensmittelmarkt in der Pückler-Passage öffnet für die Kunden am Donnerstag, dem 4. März – und nicht, wie in der gestrigen RUNDSCHAU-Ausgabe berichtet, am Mittwoch kommender Woche. An diesem Tag finden die formale Eröffnung und ein Probelauf statt.
Die Gesellschafterin des Cottbuser CAP-Marktes, die Lebenshilfe-Werkstätten Hand in Hand gGmbH, legt zudem Wert auf die Feststellung, dass die sechs Angestellten mit Handicap psychische Beeinträchtigungen und keine „geistige Behinderungen“ haben, wie wir falsch berichtet hatten. Die Redaktion bittet um Entschuldigung für diese Fehler.
Der CAP-Lebensmittelmarkt bietet ein Vollsortiment mit Edeka-Produkten auf 900 Quadratmetern. Das Marktkonzept beinhaltet eine Integration von Menschen mit Handicap.
gru
Artikel aus der Lausitzer Rundschau vom 25. Februar 2010
COTTBUS / Sechs junge Menschen mit Handicap erhalten eine Chance auf dem ersten Arbeitsmarkt: Sie sind Verkaufshelfer im CAP-Supermarkt in der Cottbuser Pückler-Passage, der am kommenden Mittwoch öffnet.

Im CAP-Lebensmittelmarkt: Lydia Zabel, Nadja Bobusch und Daniel Deutschmann (v. l.) bestücken Regale. Foto: Jan Grundmann
Nadja Bobusch ist emsig mit dem Füllen der Regale beschäftigt. Die 26-Jährige arbeitet seit dem Jahr 2007 in den Lebenshilfe-Werkstätten Hand in Hand für Menschen mit Behinderungen in Cottbus. „Ich war im Catering tätig, habe Essen gekocht und ausgefahren“, erzählt die Schwerbehinderte, die an einer sozialen Phobie, Anpassungsstörungen und Lernschwäche leidet. „Da ist die Arbeit hier im Supermarkt natürlich eine große Herausforderung für mich.“ Daniel Deutschmann sieht eine große Chance, dauerhaft auf dem ersten Arbeitsmarkt Fuß zu fassen. „Nach der sechsmonatigen Probezeit winkt ein unbefristeter Arbeitsvertrag“, sagt er. Der 25-Jährige leidet an Schizophrenie, auch er arbeitet seit Jahren in den Lebenshilfe-Werkstätten im Catering – für ein Taschengeld, wie Geschäftsführerin Tamara Swensson erläutert.
Die Lebenshilfe-Werkstätten sind Gesellschafter des Cottbuser Franchise-CAP-Marktes. „Hier im Supermarkt sind sie sozialversicherungspflichtige Angestellte, ganz normal“, schwärmt die Geschäftsführerin. Die sechs „Integrationsbeschäftigten“ werden durch sieben weitere Mitarbeiter an die Arbeit herangeführt, erklärt sie. „Mittelfristig hoffen wir, dass sie richtige Verkäufer werden und komplett einsetzbar sind.“ Nicht jeder werde es schaffen, mit den eigenen Phobien und Behinderungen dem Druck der neuen Arbeitssituation standzuhalten. „Aber wir werden es versuchen. Und nur dafür gibt es die Fördergelder“, so Swensson. Denn der neue CAP-Markt bekommt Finanzhilfen etwa von der gemeinnützigen Aktion Mensch und der Arbeitsagentur – für Ausstattung und Bau, für Personalkosten-Zuschüsse in den ersten fünf Jahren.
14 Menschen aus den Lebenshilfe-Werkstätten hätten sich auf die sechs Stellen im Supermarkt beworben, so Swensson. Nach einem Vorbereitungskurs zu Grundlagen im Warenangebot und Kundengesprächen wird es für sie am kommenden Donnerstag, den 4. März, richtig losgehen. Dann eröffnet der CAP-Markt. „Es ist der erste Markt in Brandenburg“, erklärt Filial-Franchisenehmer Martin Weimann.
Der Centermanager der Pückler-Passage, Rainer Willner, ist froh, nach dem Auszug des Edeka-Supermarktes im Februar 2009 einen Nachmieter gefunden zu haben – auch wenn die Mietfläche um ein Drittel auf 900 Quadratmeter verkleinert wurde. „Es war ein langer Weg. Aber ein moderner Markt ist entstanden“, so Willner.
Von Jan Grundmann
Artikel aus der Lausitzer Rundschau vom 20. Januar 2009
Cottbus. Seit Jahresbeginn ist der Edeka-Markt in der Cottbuser Pückler-Passage verwaist. Centermanagement und der Bürgerverein Spremberger Vorstadt suchen gemeinsam nach einer Nachfolge-Lösung.
Eine Lösung könnte CAP sein. Auf der Suche nach einem neuen Betreiber habe Edeka ihm dieses Projekt vorgestellt, berichtet Rainer Willner, Centermanager der Pückler-Passage. CAP-Lebensmittelmärkte sind ein Franchisesystem für Sozialunternehmen. Die Genossenschaft der Werkstätten für behinderte Menschen Süd (GDW) ist Franchisegeber, liefert das Wissen und hat bundesweit Warenlieferungsverträge mit Edeka. „Am Sortiment und Preisgefüge würde sich nichts ändern“, sagt Thomas Heckmann, Geschäftsbereichsleiter der CAP-Märkte in Sindelfingen. Neu wäre: Menschen mit Handicap – daher der Name CAP-Markt – würden dort arbeiten. Die Cottbuser Behindertenbeauftragte Irena Wawrzyniak ist daher sehr angetan von dieser Idee. „Menschen mit Behinderung in den ersten Arbeitsmarkt zu bringen, ist ein Glückstreffer.“ Das sieht Tamara Svensson, Geschäftsführerin der Lebenshilfewerkstätten „Hand in Hand“ in Gallinchen, genau so. „Wenn behinderte Menschen in der Öffentlichkeit mit nicht Behinderten zusammen arbeiten, ist das ein sehr gutes Integrationsprojekt. Ein CAP-Markt kann ihren Angaben zufolge entweder als Integrationsmodell oder als Teil einer Behinderten-Werkstatt geführt werden. Sie bevorzuge das Integrationsprojekt, so Tamara Svensson, denn dann würden die Mitarbeiter tarifliches Entgelt bekommen. Die Werkstatt-Geschäftsführerin sieht allerdings auch die Stadt in der Pflicht: Sie müsste sich dazu bekennen und weitere Ansiedlung von Supermärkten in der Umgebung ausschließen. „Denn ein CAP-Markt muss wirtschaftlich betreibbar sein“, betonen Svensson und Heckmann gleichermaßen. Am Mittwoch sollen bei einem Vor-Ort-Termin zwischen Centermanagement, Lebenshilfe-Werkstatt und GDW die Konditionen abgeklopft werden. Grundsätzlich sei eine Umsetzung in den leer stehenden Verkaufsräumen denkbar, sagt CAP-Bereichsleiter Heckmann. Wahrscheinlich, schätzt Rainer Willner, Center-Manager der Pückler-Passage, reichten künftig 1000 bis 1200 Quadratmeter statt der bisherigen 1400 Quadratmeter aus. Der Vermieter werde beim Umbau auf jeden Fall entgegenkommen, kündigt Willner an. Denn Fakt sei: „Der Markt ist für die Passage lebensnotwendig.“ Er nehme rund ein Viertel der gesamten Verkaufsfläche des Einkaufszentrums ein. Er sei auch für die vielen älteren Anwohner wichtig, betont Theodor Güldenpfennig, Vorsitzender des Bürgervereins Spremberger Vorstadt. Viele Menschen hätten bei ihm und anderen Vereinsmitgliedern angerufen und ihrem Unmut über die Schließung des Supermarktes Luft gemacht. Erna Koschinski hofft sehr, „dass etwas passiert“. Für die gehbehinderte 83-Jährige war der Weg von der Wohnung in der Calauer Straße zum Edeka-Markt gerade noch machbar. Nun müsse sie ihren Sohn bitten, ihr einmal in der Woche etwas einzukaufen. Das wolle sie ihm aber nicht ständig zumuten. Er fahre schließlich täglich nach Berlin zur Arbeit.
Sybille van Dancelmann