Werkstatt-(Er)leben

Neues

Biohof Auguste erwacht zu neuem Leben

Artikel aus der Lausitzer Rundschau vom 11. September 2014

Erstes Hoffest am Wochenende in Kolkwitz

Fünf Jahre hatte der Biohof Auguste seine Heimat in Sielow. Als die Pachtflächen dort nicht mehr ausreichten, kaufte die Lebenshilfe ein Gelände in Kolkwitz. Hier ist ein landwirtschaftlicher Betrieb entstanden, der 45 psychisch kranken Menschen Arbeit und Lebensinhalt gibt.

Kolkwitz. Die Zeit scheint langsamer zu vergehen auf dem Biohof Auguste. Das ist es, was dem gehetzten Stadtbesucher als Erstes auffällt, wenn er das neue Gelände der Lebenshilfe besucht. Trecker und Pflug haben ihre besten Jahrzehnte hinter sich, tuckern langsam über frisch angelegte Wege und Äcker. Vor den Stallgebäuden sitzt ein Mitarbeiter in der Sonne, sein Kollege krault der mächtigen Sau Uschi den Speck.

Seit Januar 2013 ist der Biohof Auguste auf dem Gelände am Rande von Kolkwitz-Zahsow beheimatet. 45 Mitarbeiter mit psychischen Beeinträchtigungen und vier Beschäftigte der Lebenshilfe bewirtschaften derzeit eine Fläche von 17 Hektar, weitere 12,7 Hektar sind bis 2020 verpachtet. Am früheren Standort in Sielow konnte sich der Biohof nicht vergrößern, daher der Umzug. Gruppenleiter Ronny Hehne: “Auf dem Gelände hier standen marode Scheunen und Schuppen, überall lag alte, längst nicht mehr benutzbare Technik rum. Es gab weder Heizung noch Strom oder fließendes Wasser.”

Schon ein Jahr vor dem Umzug hat er mit seiner Baugruppe aufgeräumt und abgerissen, neu gebaut und restauriert. Jetzt stehen zwei neue Stallgebäude auf dem Gelände, beim kommenden Hoffest soll das Sozialhaus mit Umkleidemöglichkeiten, Duschen und Küche eingeweiht werden. Die Maschinen wurden aufgearbeitet und sind in Benutzung, andere sollen irgendwann in einem kleinen Museum ausgestellt werden.

45 Mitarbeiter mit Depressionen, manischen Erkrankungen, Burnout oder Schizophrenie arbeiten mit den Tieren, im Gartenbereich oder in der Baugruppe. Ronny Hehne: “Sie haben oft lange Aufenthalte in der Psychiatrie und viele Therapien hinter sich. Ohne die Arbeit hier wären sie verloren.” Der Aufenthalt im Freien, die Ruhe und der Umgang mit den Tieren hilft den oft menschenscheuen Mitarbeitern, ihre Tage zu strukturieren, sich zu öffnen und Selbstbewusstsein zu tanken.

Tino Hoblisch, Werkstattleiter der Lebenshilfe: “Natürlich müssen die Mitarbeiter den Hof am Laufen halten, Tiere, Wiesen und Garten bewirtschaften. Aber in erster Linie ist der Hof für die Menschen da, als Schutzhülle, in der sie ohne Druck leben können.” Perspektiven entwickeln, Lebensmut entwickeln, Ängste abbauen, darum gehe es in erster Linie in dem Lebenshilfeprojekt. Menschen, denen es in den Werkstätten in der Stadt zu eng und zu laut ist, finden hier ihren Frieden. Und auch die Tiere fühlen sich wohl.

1400 Enten und Gänse, alle auf dem Hof geboren, können sich Tag und Nacht frei zwischen Stall und Wiesen bewegen. Dazu gibt es Kühe und Kaninchen auf dem Hof, auch Hausschwein Uschi gehört quasi zur Familie. Die psychisch Kranken können ausprobieren, bei welcher Arbeit es ihnen am Besten geht. Manchen liegt der Kontakt mit den kuscheligen Kaninchen, andere brauchen die Einsamkeit der Gärten oder die Hektik im Geflügelstall.

Ihre Produkte verkaufen die Mitarbeiter in einem Hofladen, der am 13. September eingeweiht wird. Dort soll es regelmäßig Kartoffeln, Obst und Gemüse, Tiefkühl-Hühner und Kaninchen geben. “Und natürlich nehmen wir auch Bestellungen für Weihnachts- und Martinsgänse auf”, so Tino Hoblisch.

Am 13. September von 15 bis 19 Uhr lädt der Biohof Auguste zum großen Hoffest. Der Hofladen wird eingeweiht, für Kinder gibt es eine Strohhüpfburg und Stiefelweitwurf. Der Bienenwagen kann besichtigt werden, das Gelände lädt zum Bummeln ein. Töpfern, basteln, Kräuter pflanzen und die Produkte der “Feinen Küche” kosten, stehen an diesem Tag auf dem Programm.

Andrea Hilscher

Mitarbeiter Lutz Hockwin (r.) und Gruppenleiter Ronny Hehne freuen sich über die große Schar von Weihnachts- und Martinsgänsen. Foto: hil
Mitarbeiter Lutz Hockwin (r.) und Gruppenleiter Ronny Hehne freuen sich über die große Schar von Weihnachts- und Martinsgänsen.
Foto: hil

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