Werkstatt-(Er)leben

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Die Tür zum Arbeitsmarkt bleibt offen

Artikel aus der Lausitzer Rundschau vom 12. April 2014

COTTBUS. Wer im Internet eine Kiste der meistgefragten Holzbausteine für Kinder bestellt, kauft ein Produkt, das in Cottbus von behinderten Menschen in den Lebenshilfe Werkstätten Hand in Hand hergestellt wurde. Bis nach Japan werden die Bausteine direkt von Cottbus aus verschickt. Und die Lebenshilfe Werkstätten haben noch viel mehr zu bieten.

Das Spektrum, das die Lebenshilfe Werkstätten mit ihren Niederlassungen in Cottbus, Peitz und Guben zu bieten haben, ist breit. Die Mitarbeiter fertigen nicht nur Holzbausteine oder liefern Brennholz. Sie betreiben eine Wäscherei und Druckerei, sie montieren im Auftrag von Industrieunternehmen einfache Bauteile und arbeiten mit einem hochmodernen Lasergerät. Es gibt eine Töpferei und Kerzenmanufaktur. Auf einem eigenen Biohof in Kolkwitz werden Geflügel, Kaninchen, Rinder und Schweine gehalten, und der Fertigungs- und Dienstleistungsservice der Lebenshilfe Werkstätten betreibt einen Catering- und Partyservice.

Dass sich die Produkte und Dienstleistungen erfolgreich vermarkten lassen, ist den Lebenshilfe Werkstätten durchaus willkommen, denn die Einnahmen sichern nicht zuletzt das Arbeitsentgelt der behinderten Mitarbeiter. Darüber hinaus dienen die Einnahmen dazu, die Arbeitsplätze gut auszustatten und sie ermöglichen Ersatz- und Modernisierungsinvestitionen. Das Hauptaugenmerk der Lebenshilfe Werkstätten ist aber auf ein anderes Ziel gerichtet: “Uns geht es uns vor allem darum, behinderten Menschen, die mit ganz unterschiedlichen Handicaps zu uns kommen, eine sinnvolle Beschäftigung, attraktive Arbeitsplätze und auch Entwicklungsmöglichkeiten zu bieten. Denn eine Sackgasse soll die Werkstatt für behinderte Menschen möglichst nicht sein”, betont der Cottbuser Werkstättenleiter Heiko Riedel.

Wer Anspruch auf einen Platz in einer Behindertenwerkstatt hat, regelt das Gesetz. Aufgenommen wird in der Regel in die wohnortnaheste Werkstatt. Am Beginn steht ein dreimonatiges Eingangsverfahren (EV), in dem die Behinderten die Werkstatt kennenlernen und in dem ihre Möglichkeiten und Talente ausgelotet werden, um zu sehen, in welchem Bereich ihre Fähigkeiten am besten einzusetzen sind.

In den vergangenen Jahren ist die Zahl der Mitarbeiter, der gehandicapten Menschen, die in den Lebenshilfe Werkstätten ausgebildet werden und arbeiten, stark angestiegen. Ende 2013 waren es 769. “Entsprechend sind unsere Werkstätten und unser Fertigungs- und Dienstleistungsservice, zu dem der Biohof, unser Catering und die Feine Küche gehören, gewachsen”, sagt Heiko Riedel.

Rund 650 Mitarbeiter sind im Rahmen ihrer Möglichkeiten im Arbeitsbereich (AB) der Lebenshilfe Werkstätten tätig. Etwa 70 Mitarbeiter durchlaufen aktuell den Berufsbildungsbereich (BBB), in dem sie auf eine Tätigkeit in den Werkstätten vorbereitet werden. “Diese Findungs- und Qualifizierungsphase geht über zwei Jahre. Gelernt wird über die Praxis”, erklärt Werkstattleiter Riedel. “Für schwerst mehrfach behinderte Menschen, denen es noch nicht möglich ist, den BBB zu durchlaufen, gibt es den Förder- und Beschäftigungsbereich (FBB), wo sie einfachen Tätigkeiten nachgehen und lebenspraktische Fertigkeiten üben können”, informiert Riedel.

Seine Kollegin Veronika Piduch kümmert sich um die berufliche Bildung. “Wir versuchen, unseren Mitarbeitern zu vermitteln, dass die Ausbildung und die Arbeit in den Werkstätten eine Chance, der Beginn einer Laufbahn sein können, die im besten Falle auf den ersten Arbeitsmarkt führt. Das kann lange dauern, aber wir haben Beispiele, die beweisen, dass es funktionieren kann. Ich kenne drei Kollegen, die Mitarbeiter waren und nun Beschäftigte der Lebenshilfe Werkstätten sind. Unser System ist durchlässig. Jeder wird mit seinen Stärken und mit seinem Förderbedarf dort eingesetzt, wo er sich optimal einbringen kann”, sagt sie.

Auf dem Weg aus dem geschützten Raum der Werkstatt hinaus ins Arbeitsleben werden die Mitarbeiter vom Lebenshilfe-Team unterstützt. “Wir suchen Betriebe, wo unsere Mitarbeiter Praktika absolvieren können. Mit OBI, den Medicus Pflegeheimen, dem Cottbuser Tierheim oder der Parkeisenbahn haben wir gute Partner gefunden. Von 2012 bis 2013 hat sich die Zahl der Praktika auf 41 fast verdoppelt”, freut sich Veronika Piduch. Der Weg auf den ersten Arbeitsmarkt kann auch über den CAP-Lebensmittelmarkt führen, der 2010 in Cottbus als Tochterunternehmen der Lebenshilfe Werkstätten eröffnet wurde. Dort sind aktuell sechs Mitarbeiter sozialversicherungspflichtig beschäftigt.

Zum Thema:
Lebenshilfe-Werkstätten Hand in Hand Im Internet: www.lebenshilfe-handinhand.de Integrationswerkstätten Niederlausitz Senftenberg Im Internet: www.wbs-senftenberg.de BWS Behindertenwerk Spremberg Im Internet: www.bws-spremberg.de AWO Spreewaldwerkstätten Im Internet: www.awo-bb-sued.de Elster-Werkstätten Herzberg Im Internet: www.elster-werkstaetten.deMehr Informationen zu Behindertenwerkstätten gibt’s im Internet unter www.myhandicap.de

“Einige Mitarbeiter wünschen sich, die Werkstattmauern hinter sich zu lassen. Andere kostet es Überwindung. Aber die Allermeisten wachsen mit ihren Aufgaben”, freut sich Veronika Piduch. Heiko Riedel musste schon manchen seiner besten Leute ziehen lassen. Und er hat es gerne getan: “Jeder andere Betrieb versucht, seine leistungsstärksten Mitarbeiter zu halten”, sagt Heiko Riedel. “Bei uns ist es umgekehrt. Wir freuen uns, wenn ein Mitarbeiter unsere Werkstätten verlässt und auf dem ersten Arbeitsmarkt Fuß fassen kann.”

Nicole Nocon
Cap Markt Vetschauer Straae_An der Kasse: Sylvia Kulka aus Burg. _Foto: Michael Helbig/mih1
Cap Markt Betschauer Straße – An der Kasse: Sylvia Kulka aus Burg.   Foto: Michael Helbig/mih1

 

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