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Gallinchener Behindertensportler peilen den Titel an

Artikel aus der Lausitzer Rundschau vom 8. April 20104

Cottbuser Vereine stehen vor einer neuen Herausforderung / Ansturm auf Angebote des Gesundheitssports in der Stadt

COTTBUS Die Stadt Cottbus setzt auf den Behindertensport. Das Sportzentrum soll in den kommenden Jahren umgebaut werden. Doch wie sieht es mit dem Sport für Menschen mit Handicap an der Basis aus? Wir haben uns bei einem Fußballverein umgeschaut.
Zu spätes Erscheinen zum Training kostet einen Euro. Wer bei der Übungseinheit komplett fehlt, muss zwei Euro zahlen. Auch das Rauchen im Training wird teuer – in diesem Fall einen Euro. Der Strafenkatalog für die Kicker des Behindertensportvereins 1996 Gallinchen ist im Internet veröffentlicht. Das ist für einen Fußballklub ungewöhnlich. Die Strafen werden sonst eher geheim gehalten. Doch ansonsten geht es im Verein ähnlich zu wie in anderen. Es gibt ein regelmäßiges Training und einen geregelten Spielbetrieb.

“Wir haben ganz gute Chancen”, sagt Trainer Ronny Gluschke. Die Cottbuser Truppe führt in der Landesliga die Tabelle an. Zwei erste Plätze und ein vierter Platz stehen bislang zu Buche. Der Meister wird in mehreren Turnieren ausgespielt. Das nächste steht am kommenden Wochenende auf dem Plan.

Der Behindertensportverein Gallinchen wurde im Jahr 1996 gegründet. Seit September 2004 existiert der BSV nur noch als Fußballverein mit rund 30 aktiven und fördernden Mitgliedern. Die Lebenshilfe ist der Träger. “Dadurch können wir den regelmäßigen Spielbetrieb absichern und auch in Trainingslager fahren”, erklärt Ronny Gluschke. Zwischen 18 und 30 Jahre alt sind seine Kicker. Viele von ihnen arbeiten in den Lebenshilfe Werkstätten. “Das Training unterscheidet sich nicht von anderen Vereinen”, sagt der 32-Jährige. Weil er schon immer fußballverrückt gewesen sei, habe er den Trainerposten übernommen. “Ich habe aber am Anfang nicht geglaubt, wieviel Arbeit das ist”, betont der Übungsleiter. Er erstellt Trainingspläne, organisiert die Fahrten zu den Turnieren, kümmert sich auch sonst um viele Kleinigkeiten. Und trotzdem findet Gluschke, der derzeit eine Umschulung zum Mechatroniker absolviert, noch Zeit, um sich für ein ganz neues Projekt einzusetzen. Im kommenden Jahr möchte er auf dem Cottbuser Stadthallenvorplatz ein großes Fußballturnier organisieren. Menschen mit und ohne Handicap sollen dann gemeinsam um einen Inte-grationscup spielen. “Vielleicht gelingt uns ja ein jährliches Turnier, dann kann es einen Wanderpokal geben”, sagt Gluschke.

In der Stadt Cottbus gibt es mehrere Behindertensportvereine. Der Brandenburgische Präventions- und Rehasportverein (BPRSV) ist mittlerweile sogar zum mitgliederstärksten Verein in der Stadt aufgestiegen. Knapp 5000 Menschen sind dort eingetragen.

“Doch wir wollen eigentlich noch einen Schritt weiter”, sagt Sven Hoffmann, Vorsitzender des Behindertenbeirates. Sportler mit Handicap sollen auch in ganz normalen Vereinen Platz finden. “Das bedeutet aber, dass man sich zuerst in den Vereinen Gedanken darüber macht, wie ich Menschen mit Handicap integrieren kann”, sagt Sven Hoffmann. Dazu müssen die Sportanlagen barrierefrei sein, auch die Trainingsgestaltung muss überarbeitet werden. “Natürlich gibt es dabei bestimmte Grenzen, ich glaube aber trotzdem, dass sich immer mehr Vereine dieser Herausforderung stellen werden”, ergänzt er.

“Wir haben es zunehmend mit Behinderung aufgrund des Alters zu tun”, sagt Stadtsportbund-Geschäftsführer Tobias Schick. Senioren wollen aber trotz körperlicher Einschränkungen immer länger sportlich aktiv sein. Das beweise der Ansturm auf die Gesundheitssportvereine. Deshalb müssten sich die Verantwortlichen in der Stadt vor allem Gedanken darüber machen, wie die Turnhallen und Sportplätze erreichbar sind. “Vielleicht braucht man an einer Stelle eine Rampe, wichtig sind auch behindertengerechte Toiletten oder entsprechende Duschräume”, erklärt Schick. Das alles seien Themen, die künftig noch an Bedeutung gewinnen werden. In der vor wenigen Tagen gestarteten Fragebogenaktion von Stadtsportbund und Stadt können sich die Cottbuser auch zu der Erreichbarkeit von Sportanlagen und zur Ausstattung äußern.

Ein Sonderlob verteilt der Stadtsportbund-Geschäftsführer an die Cottbuser Bauhausschule. Diese engagiere sich bereits seit Jahren im Bereich des Behindertensports, ist deshalb eine Art Talentschmiede für die Paralympics-Kader. “Ohne sie würde das gute System, das wir in der Stadt haben, nicht funktionieren”, ergänzt Schick.

Sven Hering

Ronny Gluschke trainiert mit behinderten Fussballern des BSV 1996 e.V. in der Sporthalle Drachhausener Straae. _Foto: Michael Helbig/mih1
Ronny Gluschke trainiert mit behinderten Fussballern des BSV 1996 e.V. in der Sporthalle Drachhausener Straae. _Foto: Michael Helbig/mih1

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