Werkstatt-(Er)leben

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Teilhabe am ganz normalen Leben

Artikel aus der Lausitzer Rundschau vom 3. April 2014

COTTBUS Feierabend-Disco, Vorbereitungen einer Urlaubsfahrt, Leseklub oder Kreativ-Werkstatt. Das sind einige der Angebote des Cottbuser Vereins Macht Los für die kommenden Tage. Was diese von anderen Jugendklubs unterscheidet? Nicht viel, lediglich die Zielgruppe. Macht Los wendet sich an Menschen mit Behinderung.
Ganz unbehindert – so lautet das Motto für den Freizeitklub des Cottbuser Vereins Macht Los in der Lipezker Straße. Was das bedeutet, wird an diesem Dienstag deutlich: Da lädt die T-Shirt-Werkstatt ein. Die Teilnehmer können sich ein Kleidungsstück ganz nach ihrer Wahl gestalten. Doch ganz unbehindert heißt in diesem Fall sehr flexibel. Statt sich T-Shirt-Motive auszudenken, wollen einige der jungen Leute an diesem Tag lieber malen. “Mandalas sind gerade der Trend”, erklärt Kathrin Machnow, die den Kurs leitet. “Kein Problem, dann machen wir eben das.”
Es ist ein Beispiel für die Herausforderung, vor der das Macht Los-Team mitunter steht. Auf der einen Seite schätzen die zumeist jungen Besucher des Freizeitklubs die festen Strukturen mit den bekannten Ansprechpartnern und regelmäßigen Angeboten. Auf der anderen Seite wollen auch sie mal etwas Neues ausprobieren. “Oder an manchen Tagen einfach mal nur quatschen”, ergänzt Kathrin Machnow.

Ein ganz neues Projekt startet an diesem Freitag. Dann treffen sich behinderte und nichtbehinderte Bücherfreunde zum ersten Leseklub in der Stadtbibliothek. Die Idee haben sich die Cottbuser bei einer Studienfahrt in Köln abgeschaut. “Man muss nicht lesen können, man muss nur Lust auf Bücher haben”, erklärt Kathrin Machnow das Konzept. Die Bücher stehen auch schon fest: Anne Frank und Ziemlich beste Freunde. Beide Titel sind Sonderausgaben eines Verlages, der sich auf einfache Sprache spezialisiert hat. In geselliger Runde soll gelesen und über den Inhalt gesprochen werden. “Eigentlich wollten wir das in einem Café machen, aber wir haben kein geeignetes gefunden, das barrierefrei ist”, sagt Kathrin Machnow. Die Bibliothek sei aber ebenfalls ein sehr guter Partner.

Auch mit anderen Vorhaben zieht es die Macht Los-Truppe in die Öffentlichkeit. Kino, Schwimmbad oder BTU-Campus gehören zu den regelmäßigen Ausflugszielen. “Menschen mit Behinderung fühlen sich in der Gruppe wohler”, erklärt die Sozialarbeiterin. “Wenn sie etwas nicht können oder sich nicht zutrauen, dann ist für sie immer noch jemand da”, ergänzt sie. Positiver Nebeneffekt: In der Stadt werden die Behinderten inzwischen als Selbstverständlichkeit wahrgenommen. “Das war vor ein paar Jahren noch anders”, erklärt Kathrin Machnow. “Da ernteten wir mitunter komische Blicke.” Die Mitarbeiter ließen sich davon nicht beirren. Freizeit erleben bedeutet Teilnahme am Leben – diesem Leitspruch fühlen sie sich verpflichtet.

Macht Los
Erst T-Shirt-Werkstatt, dann freies Malen – Kathrin Machnow betreut die Jugendlichen im Verein Macht Los. / Foto: Michael Helbig/mih1

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